Drucken E-Mail

_______________________ BLICK VON DER SEITE
Atelier

 



 

Unter all den denkbaren Blicken auf ein künstlerisches Werk ist der des Kollegen ein
ganz spezieller, ein eingeweihter Blick, einer von der Seite. Häufig sind es handwerkliche Fragen, mit denen man sich als Kollege kritisch auseinandersetzt.

 

Im Fall von Gudrun Emmert fesselt – neben dem mir sehr vertraut wirkenden Farbklang - gerade die intensive und versierte technische Bewältigung der Malerei seit jeher meine Aufmerksamkeit. Dabei ist das Auftragen der Farben, die reine Peinture, ganz unabhängig von Gegenständlichkeit oder Abstraktion. Das liegt zum großen Teil daran, daß der Prozeß an sich bei jedem Maler ein ähnlich halb bewußter ist. Malen ist ein durchgängiger, hingebungsvoller Vorgang einerseits und gleichzeitig ganz offen und aufmerksam für das gerade entstehende Ergebnis. Viel exakter beschreibt Schiller diesen Moment des künstlerischen Schaffens als eine Wechselwirkung zweier entgegengesetzter Kräfte, eines sinnlichen und eines vernünftigen Triebes, die nur im „Null-Zustand“ dieses besonderen Augenblickes zum idealen Ausgleich kommen. Den Zustand des Bilder Malens muß man sich in diesem Sinne ganz vertieft denken, weit weg von den gerade um einen herum stattfindenden Ereignissen. Auch von sich selber, zumindest von der bewußten Ebene, ist man in diesem Augenblick völlig losgelöst, etwa so selbstvergessen wie ein Kind beim Spielen. Trotzdem bestimmt am Ende der klare Wille, Form zu schaffen, das Ergebnis.

 

Genau das fasziniert mich beim Betrachten der Bilder von Gudrun Emmert, wie intensiv man darin eben diese beiden „Triebe“ nachvollziehen kann. Das sinnliche Element tritt sichtbar zutage, wann immer neue Farben über ältere Schichten gelegt wurden. Sie werden nie vollständig getilgt, die Spuren dieses Übermalens, das so häufig wiederholt wird, bis auf der Ebene des Formwillens ein Einverständnis erfolgt. Diese Spuren erscheinen als stehengebliebene Streifen zwischen Farbflächen, als nicht völlig abgedeckte, löcherige Flächen oder – besonders deutlich – auf der Bildseitenkante.

 

Man sollte sich Gudrun Emmerts Bilder wirklich rundherum anschauen. Der Farbauftrag
ist breit und unbeirrt, nicht zaghaft oder gar unsicher, die Farbe wird direkt auf der Bildfläche gemischt. Daß dieser Malprozeß kein leichtfertiger, kein schnell aus dem Ärmel geschüttelter Vorgang ist, das kann man deutlich an der Zahl der Schichtungen ermessen. Manche Bilder sind tatsächlich so viel schwerer als andere, daß man erahnen kann, wie konsequent an der Vollendung eines Bildes gearbeitet wurde - selbst über lange zeitliche Distanzen hinweg. Die Mühe wird aber weder verschleiert noch quälerisch deutlich gemacht; der Malprozeß läuft, wie er eben laufen muß, dem Prinzip des Ausgleichs der beiden „Triebe“ Rechnung tragend. Die neuen Streifenbilder von 2006/2007 sind in diesem Punkt ähnlich konsequent wie die früheren Arbeiten - mit dem Unterschied, daß sie im Format kleiner und motivisch auf Querstreifen reduziert wurden. Sie bleiben aber mindestens genauso intensiv. 

 

Mathias Weis (2007)